Warum Artillerie-Kaserne, Torhaus und Trabrennbahn-Tribüne erhalten werden müssen.

Bahrenfeld steht vor einem historischen Umbruch. Mit der Science City entstehen neue Wohnungen, Forschungszentren, Verkehrswege und ein völlig neues Stadtquartier. Politik und Investoren sprechen von Innovation, Zukunft und Fortschritt. Doch während die Zukunft geplant wird, droht die Vergangenheit des Stadtteils ausgelöscht zu werden.

Mit der ehemaligen Artillerie-Kaserne in der Notkestraße, dem alten Torhaus am Volkspark und der historischen Tribüne der Trabrennbahn sollen drei Gebäude verschwinden, die zu den letzten sichtbaren Zeugen des alten Bahrenfeld gehören.

Dabei geht es nicht um nostalgische Romantik oder darum, jede alte Mauer unter Denkmalschutz zu stellen. Es geht um Identität. Um Geschichte. Und um die Frage, ob eine neue Stadt wirklich lebenswert sein kann, wenn sie ihre eigenen Wurzeln entfernt.

Die ehemalige Artillerie-Kaserne in der Notkestraße gehört zu den markantesten historischen Gebäuden des Stadtteils. Errichtet wurde sie kurz vor dem Ersten Weltkrieg als Teil der militärischen Infrastruktur des damaligen Altona. Die gewaltigen Bauten mit ihren langen Fassaden, den hohen Fenstern und den typischen Kasernenhöfen erzählen noch heute von einer Zeit, in der Bahrenfeld stark vom Militär geprägt war.

Doch die Geschichte der Kaserne endet nicht mit dem Militär. Nach dem Krieg wandelte sich das Gelände. Industrie und Gewerbe zogen ein, unter anderem Reemtsma nutzte Teile der Anlage. Viele Menschen aus Bahrenfeld verbinden das Gebäude deshalb nicht nur mit Militärgeschichte, sondern auch mit Arbeitsplätzen und Alltagsgeschichte. Jahrzehntelang gehörte die Kaserne selbstverständlich zum Stadtbild. Heute steht sie leer, teilweise verfallen, doch gerade darin liegt ihre besondere Wirkung: Das Gebäude erzählt sichtbar von den verschiedenen Schichten der Stadtgeschichte. Solche Orte lassen sich nicht neu bauen.

Nicht weniger bedeutend ist das alte Torhaus am Eingang des Volksparks. Klein und beinahe unscheinbar wirkt es zwischen Straßen, Grünanlagen und Baustellenplanungen. Doch gerade solche Gebäude geben einem Stadtteil Charakter. Das Torhaus war einst Zugang zur Trabrennbahn Bahrenfeld und zu den Stallungen. Hier begann für Besucher die Welt des Pferdesports. Trainer, Tierpfleger, Fahrer und Zuschauer gingen jahrzehntelang durch dieses Tor.

Heute wirkt das Gebäude fast vergessen. Die Fassade ist gealtert, Graffitis weisen auf seine Vergangenheit hin. Der Ort besitzt eine besondere Atmosphäre. Er erinnert an ein Bahrenfeld, das viele jüngere Bewohner kaum noch kennen: ein Stadtteil zwischen Trabrennbahn, Volkspark, Kasernen und Industrieanlagen. Wer das Torhaus abreißt, entfernt nicht nur ein Gebäude, sondern einen der letzten sichtbaren Übergänge in diese Vergangenheit.

Besonders schmerzhaft wäre auch der Verlust der alten Tribüne der Trabrennbahn. Über Jahrzehnte war die Rennbahn ein gesellschaftlicher Mittelpunkt des Hamburger Westens. Tausende Menschen kamen zu den Rennen, Familien verbrachten ihre Sonntage dort, und für viele gehörte die Bahn fest zum kulturellen Leben der Stadt.

Die Tribüne selbst ist weit mehr als ein Funktionsbau. Ihre Architektur erzählt von einer Zeit, in der öffentliche Gebäude noch mit Würde und gestalterischem Anspruch errichtet wurden. Von dort blickten Generationen auf die Rennen, fieberten mit und erlebten gemeinsame Momente. Solche Orte speichern Erinnerungen. Sie sind Teil des kollektiven Gedächtnisses eines Stadtteils.

Natürlich verändert sich eine Stadt. Nicht jedes alte Gebäude kann erhalten werden. Aber gerade deshalb muss sorgfältig entschieden werden, welche Orte unverzichtbar sind. Die Science City hätte die Chance, moderne Stadtentwicklung mit historischer Identität zu verbinden. Weltweit zeigen viele Beispiele, dass alte Industrie-, Bahn- oder Militärgebäude erfolgreich in neue Konzepte integriert werden können – als Kulturzentren, Nachbarschaftshäuser, Werkstätten, Cafés oder öffentliche Treffpunkte.

Doch stattdessen droht in Bahrenfeld eine austauschbare Architektur ohne Erinnerung. Neue Gebäude allein schaffen noch keinen lebendigen Stadtteil. Menschen identifizieren sich mit Geschichten, mit vertrauten Orten und mit sichtbarer Vergangenheit.

Wenn Artillerie-Kaserne, Torhaus und Tribüne verschwinden, verliert Bahrenfeld einen Teil seiner Seele.

Eine moderne Stadt braucht nicht nur Zukunftspläne. Sie braucht auch Erinnerung.

Denn ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft.

Bevor Sie gehen: Wir haben noch einen kurzen Fragebogen vorbereitet, in dem Sie Ihre Meinung zum Umgang mit diesen Gebäuden äußern können. Wir würden uns freuen, wenn Sie sich ein klein wenig Zeit nehmen würden:

Umfrage
Wie stehen Sie zu dem Erhalt oder Abriss dieser 3 Gebäude?

Hier geht´s zum Fragebogen: 
https://survey.lamapoll.de/Ohne-Vergangenheit-keine-Zukunft-Ihre-Meinung-zu-Bahrenfelds-historischen-Geb-uden